Kurzinterview mit Prof. Dr. Emilija Gagrčin
30. März 2026
Am 18. März 2026 durfte das ZeMKI Prof. Dr. Emilija Gagrčin als neues Mitglied willkommen heißen. In einem Kurzinterview hat Emilija Gagrčin uns ihren akademischen Werdegang dargestellt, ihren Forschungsschwerpunkt “Mediengesellschaften und Gutes Leben” näher erläutert und ihre Gedanken zum ZeMKI und Bremen geteilt.
Über Emilija Gagrčin
Emilija Gagrčin ist Juniorprofessorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Mediengesellschaft und gutes Leben an der Universität Bremen. Sie erforscht, wie Menschen im Kontext multipler Krisen ihr Verhältnis zur Gesellschaft erfahren, deuten und gemeinsam gestalten, und welche Rolle Medien dabei spielen. Im Mittelpunkt steht die Frage, unter welchen sozialen, normativen und infrastrukturellen Bedingungen diese Vorstellungen entstehen und sie mit politischer Vorstellungskraft und Teilhabe zusammenhängen.
Interview
Bevor wir mit den inhaltlichen Fragen anfangen, könnten Sie zuerst Ihren akademischen Werdegang zur Kommunikations- und Medienwissenschaft darstellen?
Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Menschen zusammenleben und wie man Gemeinschaft gestalten kann. In der Schule war ich Schulsprecherin und habe bei der Gründung der regionalen Schulparlamente-Union in der Wojwodina in Serbien mitgewirkt. Dabei wollte ich immer möglichst viele Menschen mitnehmen und für solche Initiativen begeistern. Gleichzeitig gehöre ich zu den jüngeren Millennials, die mit dem Internet aufgewachsen sind und dessen rasante Entwicklung hautnah miterlebt haben. Dass ich irgendwann etwas machen würde, das mit Aufklärung, Information und Medien zu tun hat, lag also irgendwie nahe; so wurde es mir nämlich damals auch bei der Berufsorientierung im Gymnasium gespiegelt.
So kam ich dann zu meinem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft nach Berlin. Der Anfang war allerdings etwas holprig: Ich habe nicht nur in einer Fremdsprache studiert, sondern es hat sich auch alles um ein mir fast völlig fremdes Mediensystem gedreht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wirklich verstanden habe, worum es im Fach geht und gehen kann. Der Moment, an dem klar wurde, wie ich Kommunikationsphänomene selbst empirisch erforschen kann, war der Punkt, an dem das Fach angefangen hat, richtig Spaß zu machen. Umso mehr freue ich mich, dass ich von nun an das Modul Qualitative Methoden übernehme.
Nach dem Master hatte ich zunächst keine Lust, an der Uni zu bleiben, und habe einige Jahre ganz andere Wege eingeschlagen. Unter anderem habe ich in einem Schülerförderprogramm gearbeitet, in dem wir Berufsorientierung und Studiumsvorbereitung für Jugendliche aus nicht-akademischen Familien gemacht haben. Durch die wiederholende Berufsorientierungsveranstaltungen für die Schüler:innen wurde mir witzigerweise selbst klar, dass ich doch noch etwas anderes machen möchte. So bin ich schließlich zurück in die Wissenschaft gekommen. Am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft habe ich in der Forschungsgruppe Digital Citizenship promoviert und konnte dort mein Interesse an politischer Teilhabe und digitalen Medien vertiefen. Danach war ich als Post-Doc in Mannheim und zuletzt an der Universität Bergen in Norwegen – beides Stationen, an denen ich diesen Schwerpunkt weiter ausbauen konnte.
Ihr Forschungsschwerpunkt ist “Mediengesellschaft und gutes Leben”. Könnten Sie uns erklären, was unter “Mediengesellschaften” und “Gutes Leben” zu verstehen ist?
Eine Mediengesellschaft ist eine Gesellschaft, die so tiefgreifend von Medien durchdrungen ist, dass sie ohne Medien in dieser Form gar nicht existieren würde. Unsere Art, uns zu informieren, Beziehungen zu führen, politisch teilzuhaben, usw., all das ist heute medial vermittelt und mitgestaltet. Beim “guten Leben” geht es mir nicht darum, zu definieren oder vorzugeben, was ein gutes Leben ist. Gleichzeitig wissen wir zum Beispiel aus der Glücksforschung, dass das individuelle Wohlbefinden stark von der Qualität sozialer Beziehungen und Institutionen abhängt: von Freundschaften, Vertrauen in der Nachbarschaft, und dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und genau diese sozialen Beziehungen und Institutionen sind heute zutiefst mediatisiert. Medien prägen, wie wir uns Gemeinschaft vorstellen, wie wir Zugehörigkeit erleben, und auch, welche Lebensentwürfe wir als erstrebenswert empfinden. Was mich dabei aber vor allem interessiert, ist die Rolle von Medien in gesellschaftlicher Teilhabe. Durch Medien können Menschen ein Gefühl von Autonomie und Selbstwirksamkeit entwickeln, zum Beispiel, wenn sie sich in einer Online-Community organisieren oder über soziale Medien politisch Gehör verschaffen. Ich erforsche, unter welchen Bedingungen das gelingt und unter welchen nicht.
Was hat sie sowohl fachlich als auch persönlich von Bremen und das ZeMKI überzeugt?
In der deutschen Kommunikationswissenschaft, die eher quantitativ geprägt ist, ist das ZeMKI schon ein besonderer Ort. Hier arbeiten Menschen, die sowohl theoretisch als auch methodisch zu Innovationen im Fach beigetragen. Für mich als jemanden, die sich auf qualitative und Mixed-Methods-Ansätze konzentriert, ist das die perfekte Umgebung. In Bremen wird vorgemacht, wie man durch qualitative Methoden Theoriearbeit vorantreiben kann. Dazu kommt, dass das ZeMKI immer am Puls der Zeit ist und manchmal sogar der Zeit voraus – davon möchte ich lernen und mich daran beteiligen.
Wie möchten Sie am ZeMKI mit den Labs und Kolleg:innen zusammenarbeiten und was reizt Sie an dieser Konstellation besonders?
Ich möchte mich gern in bestehende Initiativen einbringen, von und mit den Kolleg:innen und den Studierenden lernen. Dann schauen wir, was sich daraus entwickelt.
