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Auf dem 43. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Thema „Zukünfte der Gesellschaft“ halten ZeMKI-Mitglieder Prof. Dr. Andreas Hepp und Sandra Kero zwei Vorträge.

Heute, am Donnerstag, den 01. Oktober um 9 Uhr, hält Andreas Hepp seinen Vortrag mit dem Titel „Vom ‚leisen‘ zum ‚lauten Futuring‘: Silicon Valley, Pioniergemeinschaften und die Kulturdynamiken des Schaffens von KI-Zukünften“:

Woher kommen die KI-Zukunftsvisionen des Silicon Valley? Eine vordergründige Antwort auf diese Frage lautet: von „Big Tech“ und den „Tech Bros“. Will man die Kulturdynamiken eines KI-bezogenen Futuring und die damit reartikulerte Ungleichheit und Macht fassen, ist aber eine tiefergehende Analyse notwendig. In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass das „laute Futuring“ von Big Tech die Visionen eines „leisen Futuring“ technologie-orientierter Gruppierungen in und um das Silicon Valley zu einem Teil allgemeiner gesellschaftlicher Imaginaries macht. So entstammen viele der gegenwärtigen KI-Zukünfte dem Whole Earth Network, Effective Altruism und anderen Pioniergemeinschaften. Ausgehend von einer ethnografischen Untersuchung mit 321 Interviews sowie Auswertungen der Silicon Valley Archives zeichne ich diese Kulturdynamiken nach und diskutiere ihre theoretische Bedeutung.
Der Vortrag gliedert sich in drei Teile. Im ersten befasse ich mich mit der Dynamik von „leisen“ und „lauten Futuring“: Ich zeige, inwieweit die Zukunftsvisionen von Pioniergemeinschaften eine grundlegende Ressource des „lauten Futuring“ von Big Tech sind – und wie Big Tech gleichzeitig für den Zukunftsdiskurs von Pioniergemeinschaften rahmend ist. Im zweiten Teil rekonstruiere ich KI-bezogene Zukunftsentwürfe von drei Generationen: von „cybernetic futures“ (Zukünfte der Selbstorganisation der Gesellschaft) über „agile futures“ (Zukünfte eines digitalen agilen Kapitalismus) zu gegenwärtigen „slippery futures“, in denen Techno-Solutionismus und existentielle Gefährdung zusammentreffen. Der dritte Teil bietet eine sozialtheoretische Reflexion: Die beispiellose Kapitalkonzentration beschleunigt die Durchsetzung bestimmter Zukunftsbilder, und die Agency-Zuschreibung an KI transformiert Wissenspraktiken in Wissenschaft und Beruf.
Für die Soziologie bedeutet dies, die Emergenz von Technologie in Bezug auf Projektionen, Visionen und Imaginaries von Zukünften zu analysieren – und nicht erst, wenn die entsprechenden Technologien eine gesellschaftliche Breitenwirkung entfalten.

Weitere Details zu dem Vortrag finden Sie hier.

Am Freitag, den 02. Oktober um 9 Uhr, folgt Sandra Kero mit ihrem Vortrag „ Nostalgisch nach der Welt von Morgen? Immersive KI-Imaginationen einer „vergangenen Zukunft“ rechter Akteur:innen“:

Der Beitrag präsentiert die Ergebnisse dreier qualitativer Studien zum Einsatz KI-generierter Bilder in rechter Online-Kommunikation, die als Teil metapolitischer Strategie zur Konstruktion idealisierter Gesellschaftsentwürfe und Gegenmodellen zu progressiven Ordnungen beitragen. Im Fokus stehen künstlich-fiktionale Bilder, die durch die Verbindung spielerischer Ästhetik mit ernsthaften Botschaften die Grenze zwischen ideologisch expliziten Inhalten und visionären Bildwelten verwischen. Entscheidend ist weniger die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Fälschung als vielmehr das immersive Potenzial solcher Imaginationen, die zu langfristigen Prozessen der „ideologischen Konfiguration“ (Van Dijk, 2025) beitragen. Die Studien basieren auf KI-Bildern mit synthetischer Ästhetik, die zwischen Oktober 2023 und Juni 2025 von rechten Akteur:innen auf X und Instagram verbreitet und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Ziel war es, die inhaltlichen Botschaften zu identifizieren und wiederkehrende Muster zu rekonstruieren. Die Ergebnisse zeigen, wie verschiedene zeitliche Dimensionen einbezogen werden – häufig durch historische Bezüge –, um alternative Vergangenheiten und Zukünfte zu konstruieren und die Gegenwart zu kritisieren. Dabei werden alternative Geschichtsbilder und kollektive Erinnerungs- und Zukunftsvorstellungen konstruiert; reaktionäre Vorstellungen eines „deutschen Volkes“ idealisiert und mit transnationalen Narrativen eines vereinten Westens verschmolzen; sowie Geschlechterdarstellungen als Instrumente rechter „Mikronormalisierung“ genutzt. Insbesondere digitale Kommunikationsräume ermöglichen immersive Effekte und die Hervorbringung alternativer, affektiv bindender Welten (Kero & Schmitt, 2025). Ausgehend von einem sozial- und affekttheoretischen Verständnis von Immersion (Mühlhoff & Schütz, 2019) wird gezeigt, wie rechte Akteur:innen nostalgisch aufgeladene Sehnsüchte nach einem verlorenen oder als enteignet imaginierten „Anderswo“ adressieren und an eine „untote Vergangenheit“ anschließen, die im Sinne einer „Retrotopia“ (Bauman, 2017) emotional rekonstruiert wird. KI-generierte Inhalte erweitern dieses Potenzial immersiver Zukunftsimagination jenseits menschlicher Vorstellung: Wie war es, wie ist es – und wie könnte es sein?

Weitere Details zu dem Vortrag finden Sie hier.