Vortrag Künstliche Intelligenz in der Schule auf dem Open Campus 2026
15. Juni 2026
Der Einsatz kommunikativer KI zwischen Bildungschancen und Risiken für das Lernen
Bremen, 13. Juni 2026 – Auf dem Open Campus 2026 der Universität Bremen präsentierte Prof. Dr. Karsten D. Wolf vom Lab Media & Education des ZeMKIs (Zentrum für Kommunikations- und Informationsforschung) eine umfassende wissenschaftliche Analyse zum Einfluss generativer Künstlicher Intelligenz auf das Bildungssystem. Sein Vortrag thematisiert die drängende Frage, ob KI primär als Bildungschance zu begreifen ist oder eine fundamentale Gefahr für das Lernen darstellt.
Der Status Quo: KI ist im Lernalltag angekommen
Die Relevanz des Themas spiegelt sich in der rasanten Adaption der Technologie durch Schülerinnen und Schüler wider. Laut Daten der JIM-Studie 2025 nutzen mittlerweile 50 % der befragten Jugendlichen ChatGPT täglich oder mehrmals pro Woche. Die Nutzung von KI-Anwendungen für Hausaufgaben oder zum Lernen stieg von 65 % im Jahr 2024 auf 74 % im Jahr 2025 signifikant an. KI-Systeme, die als probabilistische Textproduktionssysteme auf Basis riesiger Datenmengen Sprachmuster erlernen und Vorhersagen treffen, sind damit ein fester Bestandteil der Lernkultur geworden.
Bildungschancen: Die Lehrkraft der Zukunft und der KI-Agentenschwarm
Prof. Wolf verdeutlicht, dass KI enorme didaktische Potenziale zur Unterstützung von Lehrkräften bietet. Die Technologie ermöglicht eine tiefergehende Individualisierung und Differenzierung im Unterricht. So lassen sich mit detaillierten Prompts und Bereitstellung von Hintergrundinformation (Context Engineering) maßgeschneiderte Lernmaterialien für unterschiedliche Leistungsniveaus generieren.
Die aktuelle Vision für den „Lehrenden der Zukunft“ im Forschungskontext sieht ein synergetisches Modell vor: Unterstützt durch einen „KI-Agentenschwarm“ unterstützt die KI, Daten zu analysieren, Echtzeit-Differenzierungen vorzunehmen und sofortiges Feedback zu liefern. Dies entlastet Lehrkräfte bei administrativen und diagnostischen Routineaufgaben, sodass der Fokus verstärkt auf Beziehungsarbeit, Mentoring und der Förderung sozialer Kompetenzen liegen kann.
Risiken für den Wissenserwerb: „Cognitive Debt“ und das Verlernen von Fähigkeiten
Den immensen Chancen stehen ebenso gravierende empirische Risiken gegenüber. Zu den primären Gefahren zählen das Verlernen von Grundfertigkeiten, ein möglicher Abbau von intrinsischer Motivation, die mangelnde Transparenz der Systeme sowie inhärente Biases der Modelle.
Besonders kritisch ist das Phänomen der sogenannten „Cognitive Debt“ (kognitive Schulden) beim Schreiben von Aufsätzen mittels LLMs. Eine zitierte Studie zeigt eindrücklich: Probanden, die KI-Assistenten für das Verfassen von Texten nutzten, hatten in der Folge immense Schwierigkeiten (über 80 %), Inhalte aus ihren eigenen Essays zu zitieren oder wiederzugeben – im starken Kontrast zu Kontrollgruppen, die klassische Suchmaschinen oder keine Hilfsmittel verwendeten. Dies unterstreicht die Gefahr, kognitive Prozesse und das eigentliche Denken an die Maschine auszulagern. Zu den weiteren Herausforderungen gehören technische Unzuverlässigkeiten (Halluzinationen) sowie eine übermäßige Abhängigkeit (Overreliance) von der Technologie.
Fazit: „Lehr- und lernbezogene AI Literacy“ als neue Kernkompetenz
Um den sogenannten Matthäus-Effekt zu vermeiden – bei dem ohnehin bevorteilte Lernende mit guten Lernstrategien überproportional profitieren – muss die technologische Integration aktiv pädagogisch gesteuert werden. Dazu bedarf es aber auch einer spezifischen Lehrkompetenz bezogen auf sich dynamisch entwickelnde KI-Technologien. Prof. Wolf kommt zu dem Schluss, dass der Aufbau einer spezifisch lehr- und lernprozessbezogener KI Kompetenz (AI Literacy) und spezifischer Lernstrategien als integraler Bestandteil der Medienkompetenz für Lehrende und Lernende unerlässlich ist. Auch in einer von KI durchdrungenen Lernumgebung bleibt eines bestehen: Echte Bildungsprozesse brauchen weiterhin den Menschen.
