Philip Sinner zur Serie Heated Rivalry und der Bedeutung von medialer Sichtbarkeit und Repräsentation
11. Februar 2026
Obwohl die kanadische Serie Heated Rivalry erst am 6. Februar 2026 in Deutschland auf HBO max angelaufen ist, war sie bereits seit Wochen in aller Munde. In den Medien und insbesondere auf YouTube, Instagram und TikTok ist es kaum möglich, Inhalten dazu zu entgehen. Und es sind nicht nur bezahlte Werbeeinblendungen und Trailer, sondern unzählige Reaction-Videos von Medienorganisationen und Influencer:innen, Ausschnitte aus den bereits in Kanada und den USA ausgestrahlten Folgen, Memes von Fans, Mitschnitte der Auftritte der Hauptdarsteller in Talkshows und anderen Sendungen, Behind-the-Scenes-Material des Filmstudios und und und.
Über diesen Hype, die Bedeutung von medialer Sichtbarkeit und Repräsentation und noch vieles mehr hat ZeMKI-Mitglied Dr. Philip Sinner mit Leon Hütter für das Live-Radio von BremenNEXT gesprochen. Eine Zusammenfassung gibt es dort auch in der Instagram-Story.
Worum geht es? Heated Rivalry (Achtung: Spoiler) ist eine romantische Sportserie mit aktuell nur sechs Folgen. Sie basiert auf einer Romanvorlage der kanadischen Autorin Rachel Reid und wurde von Bell Media produziert. Für Drehbuch und Regie zeichnete Jacob Tierney verantwortlich. Die erste Staffel wurde im November und Dezember 2025 auf den Streamingdiensten Crave und HBO max in Kanada und den USA veröffentlicht, erreichten darüber hinaus aber weltweite Publika. Kurz zusammengefasst handeln die Folgen, die einen Zeitraum von mehreren Jahren abdecken, von der geheimen Liebesbeziehung zwischen dem Russen Ilya Rozanov (Connor Storrie) und dem Kanadier Shane Hollander (Hudson Williams) die in zwei gegnerischen Eishockey-Teams der fiktiven Major League Hockey (MLH) spielen und dort zu den absoluten Leistungsträgern gehören. Vorlage ist die National Hockey League (NHL) und auch die adressierten Teams aus Montreal und Boston sind offenkundig. Doch warum erreicht und begeistert eine queere Liebesgeschichte ein weltweites Publikum, und das weit über die schwule Community hinaus, die in der Handlung thematisiert wird?
Die Gründe sind vielfältig. Zunächst weiß die Serie durch eine enorme Produktionsqualität und Authentizität zu begeistern. Obwohl das Budget im Vergleich zu anderen Produktionen sehr gering war, ist offenkundig mit welcher Begeisterung und Engagement die Beteiligten des kleinen Teams auf allen Ebenen investiert haben. Dies endet bei der Beziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern, die bei allen auch noch so kleinen Promotion-Auftritten begeistern und keinen Zweifel daran lassen, dass die Chemie zwischen ihnen stimmt und nicht nur gespielt ist. In Zeiten von extremer Überkommerzialisierung wirkt dies sehr attraktiv auf die Rezipierenden. Zudem gelingt der Serie der Spagat, einerseits eine intensive Liebesbeziehung auf authentische, tiefgründige und sensible Art zu zeigen, und andererseits mit sehr expliziten Sexszenen zu arbeiten, wie man sie sonst eher aus heterosexuellen Kontexten kennt. Diesem Ansatz gingen, wenn man den Interviews Glauben schenken darf, intensive Gespräche zwischen dem Regisseur und der Autorin der Romanvorlage voraus. Im Ergebnis entscheidet sich Heated Rivalry von Beginn an, sehr mutig, all the sex zu zeigen. Und man darf nicht außer Acht lassen, dass gay love nicht nur attraktiv auf queere Zuschauende wirkt, sondern auch viele (heterosexuelle) Frauen abholt, wie verschiedene Studien zeigen.
Doch Heated Rivalry geht weit darüber hinaus. Bereits seit Jahren erfreuen sich im Eishockey angesiedelte Liebesgeschichten (heterosexuell und queer) großer Beliebtheit. Die Verfilmung setzt diese Entwicklung nun fort. Und mit Eishockey hätte die Wahl der Sportart kaum prominenter ausfallen können. Während Eishockey in Deutschland oftmals nur während Weltmeisterschaften oder Olympischen Winterspielen, wie aktuell in Mailand und Cortina d`Ampezzo, in größeren Umfang rezipiert wird, zählt der Sport in Nordamerika zu den großen Vier, neben Football, Basketball und Baseball. Vergleichbar ist diese Stellung mit dem Fußball in Deutschland und Europa. Allen fünf Sportarten ist gemein, dass sie extrem körperbetont sind und für hegemoniale Männlichkeit stehen. In Folge fehlt es in diesem Feld auf drastische Weise an queeren Vorbildern, insbesondere in den höchsten Leistungsstufen. Dieses Mismatch konterkariert Heated Rivalry, denn in der NHL gibt es, wie auch zum Beispiel in der Bundesliga und der 2. Bundesliga im Fußball nicht einen einzigen geouteten männlichen Spieler (im Frauensport sieht die Situation anderes aus). Doch für Eishockey in den USA muss man seit einigen Tagen sagen gab es: Denn inzwischen hatte Jesse Kortuem, Amateurspieler aus Minnesota, sein Coming Out und verwies dabei ausdrücklich auf die Bedeutung der Serie Heated Rivalry bei der Entscheidungsfindung.
Doch dieses Funktionsprinzip zeigt sich auch im alltäglichen Mediengebrauch: Eine von Ingrid Paus-Hasebrink an der Universität Salzburg geleitete Langzeitstudie zur Mediensozialisation von sozial benachteiligten Heranwachsenden, an der Philip Sinner über viele Jahre beteiligt war, hat eindrücklich vor Augen geführt, welche Bedeutung die Repräsentation auch in fiktionalen Medien hat und wie wichtig mediale Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind. Dies gilt umso mehr dann, wenn im persönlichen Umfeld zentrale Rollenvorbilder fehlen. So orientierte sich beispielsweise ein junges Mädchen, das ohne ihren leiblichen Vater aufwuchs, an Hermann Maier, einem sehr erfolgreichen österreichischen Ski-Rennfahrer, der sich nach seiner aktiven Karriere durch sein soziales Engagement ausgezeichnet hat. Ihn bezeichnete sie ausdrücklich als Vorbild und Role Model, wie sie sich einen positiv besetzten Mann als Vaterfigur gewünscht hätte. In diesem Kontext sind auch queere Rollenvorbilder in den Medien, im Sport, ebenso wie in fiktionalen Serien und Filmen zu sehen, die Jugendlichen vor Augen führen, dass dies etwas ganz Normales ist und man sich nicht verstecken muss. Insofern ist die Serie Heated Rivalry wegweisend, da sie zwei schwule Charaktere in den Hauptrollen zeigt, die für Spitzenleistung in einer der als am männlichsten konnotierten Sportarten stehen und sich in ihren Teams größter Beliebtheit erfreuen. Heated Rivalry zeigt, dass man auch in einem solchen Kontext einfach homosexuell sein kann. Der gesellschaftliche Einfluss solche fiktionalen Serien aber auch der Sichtbarkeit im echten Sport darf nicht unterschätzt werden. Dies unterstreichen auch Beispiele wie Tom Daley im Turmspringen, Joshua Cavallo (zunächst in Australien, jetzt im Vereinten Königreich) und Jakub Jankto (Tschechischer Nationalspieler von Sparta Prag) im Fußball oder der Freestyle-Skifahrer Gus Kenworthy.
Was lässt sich noch sagen? Die Verantwortlichen haben ein extrem gutes Social Media Play geplant und umgesetzt. Die Authentizität der Serie wurde erfolgreich in eine Begleitkampagne übersetzt. Dabei waren die verschiedenen Maßnahmen gut durchorchestriert und reichen von starker Präsenz in vielen verschiedenen und auch kleinen Outlets, wie Morning Shows, Talk Shows, Interviews und Gastauftritten, hin zu extrem viel Zusatzcontent, der regelmäßig zu allen neuen Folgen veröffentlicht wurde und die Zuschauer:innen mit in die Welt des Eishockeys genommen hat. Zum Erfolg hat dabei auch beigetragen, dass im Kontext von Leistungssport, und hier gerade im als männlich konnotierten Eishockey, Healthy Masculinity gezeigt wurde, statt toxischer Inhalte.
Und was bedeutet das über den Erfolg der Serie hinaus?
Die Serie wird verlängert, und es wird weitere Staffeln geben, Staffel 2 womöglich schon im kommenden Jahr. In Zeiten, in denen viele queere Rollen aus Film und Fernsehen verschwinden und sich, insbesondere auch in den USA erneut Queerfeindlichkeit breit macht, ist das ein sensationeller Erfolg. Zudem soll es auch Spin-offs geben, so ist beispielsweise eine lesbisch orientierte Softball-Serie in Planung. Zentral ist zudem, dass die Serie so unbefangen mit schwulem Sex umgeht und diesen offen zeigt, sowohl heated als auch zärtlich und intim. Es wird etwas Normales gezeigt, nichts was man verstecken oder wovor man sich schämen müsste. Gerade für Heranwachsende ist das von unschätzbarem Wert, denn: Repräsentation sorgt für Akzeptanz und hat eine Vorbildfunktion. Und wie eng die fiktionale Welt mit der realen verknüpft ist, das zeigt erneut ein Blick nach Italien: Eishockey ist bekanntlich ein Wintersport, der ein traditioneller Bestandteil der Olympischen Winterspiele ist. Das Organisationskomitee von Milano Cortina 2026 hat Hudson Williams und Connor Storrie zum Olympischen Fackellauf eingeladen und beide haben gemeinsam teilgenommen. Auf den Straßen wurden sie sofort erkannt und jubelnd begrüßt – auch dies wurde in den (sozialen) Medien aufmerksam registriert, rasend schnell verbreitet und auch für die Vermarktung der Serie aufgegriffen.
