Kurzinterview mit Mercator Fellow Axel Bruns
30. März 2026
Das ZeMKI freut sich über Zuwachs: Seit kurzem ist Prof. Dr. Axel Bruns als Mercator-Fellow in der Forschungsgruppe „Communicative AI“ (ComAI) zu Gast. Von der Queensland University of Technology in Brisbane nach Bremen gekommen, bringt er eine spannende Perspektive auf unsere digitale Welt mit.
In seinem aktuellen Forschungsprojekt und seinem Vortrag bei den ComAI Lectures räumt er mit veralteten Vorstellungen von „der einen“ Öffentlichkeit auf und zeigt, wie Algorithmen unsere Kommunikation heute wirklich formen. Einen kurzen Einblick in seine Arbeit liefert das folgende Interview.
Sie sind als Mercator Fellow am ZeMKI. Was genau beinhaltet diese Rolle und wie sind Sie Teil der Forschungsgruppe ComAI geworden?
Der Arbeit von ZeMKI und ComAI folge ich natürlich schon seit Jahren, und ich habe ja 2024 auch schon mal einen ComAI-Vortrag gegeben (https://www.youtube.com/watch?v=lJP4a5l4ikI). Es gibt da einiges an Berührungspunkten, insbesondere auch durch das australische Centre of Excellence for Automated Decision-Making and Society (http://admscentre.org/), an dem das Digital Media Research Centre (https://research.qut.edu.au/dmrc/) der Queensland University of Technology, wo ich normalerweise arbeite, maßgeblich beteiligt ist, und mit dem auch ComAI-Mitglieder verbunden sind.
Die Mercator-Fellowship ist für mich natürlich eine große Ehre sowie eine hervorragende Möglichkeit, diese Verbindungen weiter zu vertiefen. Über die nächsten Monate hoffe ich, viel über den aktuellen Forschungsstand am ZeMKI und in ComAI zu erfahren und das weiter mit der Arbeit von meinen Kolleg:innen und mir in DMRC und ADM+S zu verbinden; ich hoffe auf viele Einzel- und Gruppengespräche und möchte auch gerne noch mehr von unserer Arbeit vorstellen. Mein Vortrag in den ComAI Lectures ist dazu ein erster Anfang, und vermutlich werden sich da noch andere Möglichkeiten ergeben.
Als Gastforscher möchte ich mich natürlich vor allemauch für ZeMKI und ComAI nützlich machen – in dem Sinne daher auch der Aufruf an die Kolleg:innen hier: bitte sagt mir, was ich so für Euch tun kann!
Woran arbeiten Sie während Ihrer Zeit in Bremen konkret und welche Impulse erhoffen Sie sich vom Austausch mit den Kolleg:innen vor Ort?
Wir alle sind selbstverständlich stark daran interessiert, Nutzen wie auch Gefahren der künstlichen Intelligenz besonders auch im kommunikativen Bereich zu untersuchen. Das bleibt ein Feld, das sich rasant weiterentwickelt, im Guten wie im Bösen: einerseits eröffnet die Nutzung von KI der Forschung neue Möglichkeiten, wie ich ja auch schon in meinem Vortrag 2024 angesprochen hatte; gerade bei der Analyse größerer Datensätze läßt sich da vieles machen, solange man die KI als Ergänzung und nicht als Ersatz für die Arbeit menschlicher Forscher:innen einsetzt.
Andererseits aber birgt die Nutzung der KI in und für Kommunikation aber auch neue Gefahren: so haben meine Kollegen und ich vor Kurzem zum Beispiel eine neue Studie veröffentlicht (https://doi.org/10.17645/mac.11337), in der wir die Antworten von KI-Chatbots auf Fragestellungen zu einschlägigen Verschwörungstheorien untersucht haben. Hier ist das Bild sehr durchwachsen: Chatbots wie Perplexity versuchen solche Fragen durchaus zu entschärfen und verweisen Nutzer:innen auf Korrekturen und Faktenchecks, aber andere, und hier besonders Elon Musks Chatbot Grok, helfen Fragesteller:innen dann teilweise sogar noch explizit dabei, einschlägige Ressourcen für Verschwörungstheoretiker zu finden. Und unsere ist nur eine von vielen Studien, die solche Problematiken anspricht – die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von KI, und ihrer Regulierung durch Gesetzgeber, wird hier immer dringlicher.
Sowohl zu diesen positiven wie negativen Entwicklungen erhofe ich mir während meiner Zeit in Bremen einiges an konstruktiven Gesprächen, gerne auch mit Blick auf weitere gemeinsame Forschung. Darüberhinaus sehe ich hier natürlich auch einige alte Bekannte wieder: mit Kollegen wie Cornelius Puschmann zusammen habe ich ja schon vor mehr als einem Jahrzehnt das Buch Twitter and Society (https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/47764) herausgegeben, das mittlerweile so eine Art Erinnerung an bessere Zeiten geworden ist, und mit vielen anderen gibt es ebenfalls schon einige langfristige Verbindugen. Ich bin gespannt, was hier so die aktuellen Projekte sind!
In Ihrem Vortrag bei den ComAI Lectures geht es um “Eine Neubetrachtung ‚der‘ Öffentlichkeit und ihrer algorithmischen Formierungen”. Was ist die Kernbotschaft, die Sie der Bremer Community durch Ihren Vortrag vermitteln möchten?
Das ist so ein Thema, zu dem ich immer wieder zurückkehre: mit dem habermasianischen Begriff der Öffentlichkeit – gerade auch in seiner englischen Übersetzung als ‚public sphere‘ – habe ich mich ganz ehrlich nie recht anfreunden können, und seine Anwendung auf unsere aktuellen kommunikativen Gegebenheiten ist mehr als schwierig. Weder ist im Zeitalter sozialer Netzwerke die ‚public sphere‘ noch eine wirklich auf zentrale Leitmedien fokussierte Sphäre oder Arena; noch findet durch die verstärkte Nutzung kommerzieller Platformen gesellschaftlich relevante Kommunikation und Meinungsbildung noch immer vor allem in wirklich öffentlich statt; noch gibt es daher in unserer plattformisierten und fragmentierten kommunikativen Welt nur die eine Öffentlichkeit oder ‚public sphere‘. Und die Mitformung von Kommunikations- und Informationsflüssen durch Algorithmen und dann jetzt auch künstliche Intelligenz kompliziert diese Gemengelage dann noch zusätzlich.
Mein Ansatz ist hier erst einmal pragmatisch (https://doi.org/10.1093/ct/qtad007): jenseits normativer Vorstellungen, was wissen wir von der Struktur dieses Netzwerks von großen und kleinen, öffentlicheren und privateren, kurz- wie langlebigen, organisch und/oder algorithmisch kuratierten, verwobenen und überlappenden kommunikativen Gruppierungen, die je nach Format Gruppen, Öffentlichkeiten, Communities, oder Formierungen mit anderen Dynamiken darstellen können? Hier besteht erst mal der Bedarf nach klareren Definitionen, damit wir diese Dinge besser erfassen und beschreiben und ihre Wechselwirkungen besser verstehen können. Das ist hoffentlich gerade auch für die nächste Generation von Forscher:innen nützlich, denn viele der Begrifflichkeiten, mit denen unsere Disziplin seit langem gearbeitet hat, sind auf die aktuelle und entstehende Kommunikationswelt nur mehr mit Einschränkungen anwendbar.
Hier gibt es mehr Informationen zur ComAI-Lecture von Axel Bruns.
