Prof. Dr. Emilija Gagrčin (ZeMKI, University of Bremen) Polarisierung antizipieren und abwenden: Ethnographische Perspektiven auf demokratische Resilienz als kommunikativen Prozess in lokalen Windkraftkonflikten
- Datum: 24. June 2026
- Uhrzeit: 16:15
- Strasse: Linzer Str. 4
- Raum: 60.070
Abstract:
Demokratische Resilienz wird in der Kommunikationswissenschaft bislang vor allem quantitativ erforscht, und zwar als messbare Eigenschaft von Individuen und Medien- bzw. politischen Systemen. Dieser Vortrag nimmt einen ethnographischen Zugang und rückt damit situierte und relationale Aspekte demokratischer Resilienz in den Vordergrund.
Empirische Grundlage ist die laufende ethnographische Forschung zur Windkraftentwicklung in Baden-Württemberg. Der Windenergieausbau eignet sich als Forschungskontext besonders gut, weil er mehrere gesellschaftliche Konfliktlinien gleichzeitig umfasst: räumliche Identität (Stadt/Land), Verteilungsgerechtigkeit (lokale Kosten vs. nationale Gewinne) und kulturell-politische Gegensätze (Klimaschutz vs. Heimat), die zunehmend von rechtspopulistischen Netzwerken für politische Mobilisierung genutzt werden. Baden-Württemberg bietet damit einen aufschlussreichen Kontext, um destruktive Polarisierung als kommunikativen Prozess rund um ein konkretes lokales Streitthema zu untersuchen.
Vorläufige Befunde zeigen, wie institutionelle, zivilgesellschaftliche und bürgerschaftliche Akteure destruktive Polarisierung antizipieren und je eigene Strategien entwickeln, um kommunikative Bedingungen für legitimen Konflikt offenzuhalten. Der Vortrag schlägt das Konzept der anticipatory democratic resilience vor, um diese Praktiken analytisch zu fassen, und leistet dadurch einen Beitrag zu einer prozessorientierten Konzeptualisierung demokratischer Resilienz in der Kommunikationswissenschaft.
Bio
Dr. Emilija Gagrčin ist Juniorprofessorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medien, Gesellschaft und Gutes Leben am ZeMKI der Universität Bremen, wo sie das GLaMS Lab (Good Life & Media Society) leitet. Ihre Forschung untersucht die sozialen, normativen und infrastrukturellen Bedingungen, die das Verhältnis von Menschen zur Gesellschaft im Kontext gesellschaftlichen Wandels prägen. Zuvor war sie Marie Skłodowska-Curie Postdoctoral Fellow an der Universität Bergen (Norwegen), wo sie das oben vorgestellte Projekt zu demokratischer Resilienz im Kontext lokaler Energiekonflikte durchführte. Ihren PhD erwarb sie an der Freien Universität Berlin / Weizenbaum Institut. Sie ist außerdem Vorsitzende des YECREA – Young Scholars Network der European Communication Research and Education Association (ECREA).
